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Zeitungsbericht September 2008
BAD KROZINGEN-TUNSEL (fry). Anerkennung und Auszeichnung für ihr soziales Engagement wurde Beatrix und Martin Cammerer aus Tunsel zuteil. In ihrem landwirtschaftlichen Betrieb beschäftigen sie Tobias (20), der ihnen trotz seiner Mehrfachbehinderung eine wertvolle Arbeitskraft mit inzwischen fester Anstellung ist. Um ihre guten Erfahrungen mit ihrem jungen Mitarbeiter weiterzugeben und anderen Arbeitgebern Mut zu einem ähnlichen Schritt zu machen, bewarben sie sich um den „Mittelstandspreis für soziale Verantwortung“, der in Stuttgart in einer Feierstunde verliehen wurde.„Leistung – Engagement – Anerkennung“, kurz “LEA“; so lautet der etwas sperrige Name des Mittelstandspreises für soziale Verantwortung, den das Land zusammen mit dem Caritasverband der Diözese Rottenburg alljährlich vergibt. Die Cammerers waren mit ihrer Firma „Agriforum“ einer von 180 Betrieben, die der Einladung zur Teilnahme gefolgt waren. Bereits im Dankschreiben dafür wird deutlich, dass „alle 180 Bewerber Gewinner“ und bei der Preisverleihung in Stuttgart herzlich willkommen seien. „Die Caritas und das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg verleihen dem Bauernhof Cammerer Agriforum GmbH in Bad Krotzingen (!) den Titel SOZIAL ENGAGIERT 2008 und danken für das gesellschaftliche Engagement“ heißt es in der Urkunde. Unterschrieben ist sie vom Rottenburger Bischof Gebhard Fürst, für das Wirtschaftsministerium von MdL Ernst Pfister, für die Diözesancaritas von Wolfgang Tripp als deren Direktor und von Ministerialdirektor Hans Freudenberg - da ist auch das überflüssige „t“ im Ortsnamen zu verschmerzen, finden die Cammerers.
„Unseren Tobias geben wir nicht mehr her!“ – das steht für Beatrix Cammerer fest. Dank ihrer liebevollen Zuwendung hat sich der junge Mann mit Down-Syndrom, Diabetes und verstümmelter linker Hand innerhalb kurzer Zeit zu einem wertvollen Rädchen im Hofgetriebe mit seinen vielfältigen Arbeitsabläufen erobert und darüber hinaus die Zuneigung aller gewonnen. „Seine Anwesenheit tut unseren Mitarbeitern und uns gut“, hat auch Martin Cammerer beobachtet. Aus seinem Heimatort Kirchhofen kommt Tobias jeden Morgen pünktlich mit dem Bus zur Arbeit: Küken mit frischem Wasser versorgen, „verlorene“ Eier der Bodenhaltungshühner einsammeln, Leergut sortieren, Kartonagen pressen, in der Waschküche helfen, Flaschen, Büchsen und Gläser etikettieren. Ist er einmal nicht da, spüren alle bald die Lücke, staut sich das Material. Gerne, so Beatrix und Martin Cammerer übereinstimmend, wenden sie die für die Betreuung notwendige Zeit auf, denn immer wieder überrasche sie das wachsende Selbstbewusstsein und die Freude ihres Tobias, etwa beim gemeinsamen Mittagessen.
Die Idee, es mit einem Behinderten zu versuchen, entnahmen die Cammerers einem Prospekt der Malteserschloss-Schule in Heitersheim. Hier ist man bemüht, im Rahmen des Projekts „Arbeitsplatzreife“ geistig Behinderten Erfahrungen in der Arbeitswelt zu verschaffen und sie so für den 1. Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Sie nahmen Kontakt auf und lernten über Fachlehrer Thomas Schrecker den damals 18jährigen Tobias kennen, für den nach Abschluss der Schule nur die Tätigkeit in einer beschützten Werkstatt infrage zu kommen schien. Zunächst kam der junge Mann an drei Tagen pro Woche auf den Hof und probierte seine Fähigkeiten in den unterschiedlichen landwirtschaftlichen Arbeitsbereichen sowie in der Weiterverarbeitung aus. An den zwei restlichen Tagen wird während eines Praktikums das in der Praxis Gelernte in der Schule aufgearbeitet; hier haben die jungen Leute auch Gelegenheit, sich über die Erfahrungen in den Praktikumsstellen auszutauschen. Von Anfang an war bei den Cammerers der Familienanschluss mit gemeinsamem Mittagessen fester Bestandteil des Programms. Seit dem 1. Oktober letzten Jahres gehört Tobias nun mit festem Arbeitsvertrag zum Team.
Und wie sieht Tobias selbst sein jetziges Leben? „Klasse, mir geht es gut“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Ohne Scheu steht er Rede und Antwort und beteiligt sich am Gespräch. „Das war nicht immer so“, erinnert sich Beatrix Cammerer, „vor drei Monaten hätte er sich noch nicht so selbstverständlich zu Fremden an den Tisch gesetzt.“ Die Freude über die Fortschritte ist allen Beteiligten anzumerken. In ihrem Bemühen, auch geistig Behinderten den Schritt in die „echte“ Arbeitswelt zu ermöglichen, werden die Arbeitgeber nicht allein gelassen, sondern pädagogisch begleitet. Der Fachlehrer hält Kontakt mit ihnen und den Mitarbeitern und ist auch zur Stelle, falls es Schwierigkeiten geben sollte.
Kontakt: Malteserschloss-Schule Heitersheim – Schule für Geistigbehinderte, Johanniterstraße 83a, 79423 Heitersheim, Tel. 07634/2507.
